GM Chen Shi Hong beim Umsetzen von Taijiformen

Wirklichkeit und Schein

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Kampfkunst, Philosophie, Selbstverteidigung, Taijiquan

Wie kann Taijiquan als ein funktionierendes Werkzeug zur effektiven physischen Selbstverteidigung verstanden werden. Oder ist Taijiquan tatsächlich doch nur ein (manchmal schwaches) Hilfsmittel so wie viele andere Kampfkünste oder Kampfsportarten.Mit dem Wissen der Provokation wird in diesem Beitrag eine Gewichtung zwischen Kampfkunst und Kampfsport angenommen.

Wo liegt die Effektivität des regelmäßigen Trainings. Koordination, Kraft, Flexibilität, Ausdauer, ausgefeilte technische Antworten auf körperliche Angriffe – dies alles sind Ansprüche eines entwickelten Selbstverteidigungssystems. Es tut sich jedoch die Frage auf, ob man nicht einem fundamentalen Fehler der Einschätzung seiner Selbst sowie geübter Kampfstilelemente unterliegt, das Erlernte 1 zu 1 umsetzen zu wollen, ohne je die Praxis oder zumindest praxisnahe Situationen kennengelernt zu haben. Dann nämlich werden Kräfte und situationsgebundene Erfordernisse wirksam, die die rein körperlich antrainierten Fähigkeiten nicht nur ein bisschen, sondern um ein Vielfaches übersteigen bzw. überdecken. Die Realität holt uns einfach ein. Wie von Geisterhand scheinen alle Stunden des Schweißes plötzlich wie weggewischt.

Vielleicht kann eine Antwort auf dieses Dilemma gefunden werden. Das Training könnte vielleicht mit etwas mehr Tiefgang verstanden werden, welches auf weit mehr als nur physische Funktionsweisen abzielt. Sollte nicht zumindest der gleiche Fokus, dieselbe Intensität auf das mentale Training, die geistige Vorbereitung einer körperlichen Auseinandersetzung gelegt werden.
Ein System steht im Zentrum der Betrachtungsweise, ein Prinzip, das über den simplen Bewegungsapparat und die Muskulatur hinausgeht. Etwas, das sich, abseits der zwielichtigen Gestalt, die in einer dunklen Gasse unmissverständlich nach dem Handy verlangt, eventuell auch im ganz normalen Alltagsleben gebrauchen lässt.

Dieses Prinzip sollte zum Antizipieren des Gegenübers führen, der wahrscheinlich fundamentalsten Fähigkeit in einem martialischen System. Wird dieses Rüstzeug nicht durch ganz andere Übungen und Trainingsweisen als dem simplen Herunterpumpen unzähliger Liegestütz und abermaliger Katas gefördert? Wie trainiert man sein Herz? Was benötigt man, um den Mut zu entdecken, der in jedem von uns innewohnt. Wie kann ich einer Konfrontation gelassen begegnen?
Diese Aspekte sollten den Inhalt der Kampfkünste bilden und das körperliche Training nur den Rahmen. Vielleicht gibt es einen tieferen Grund, warum manche Kampfkünste auf einem philosophischen Fundament aufbauen.

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