Time for Tai Chi

Wer ist dazu prädestiniert, das Erbe eines ernsthaften Lehrers oder Meisters weiterzutragen? Wer trägt tatsächlich den Geist und die Essenz einer Bewegungskunst in sich. Ich möchte mich heute mit ehemaligen und immer noch präsenten Begleitern meiner Trainingszeit befassen.

Der Großteil der Schülerschaft zeigt anfangs großen Enthusiasmus und überschwängliches Interesse. Nach kurzer Zeit jedoch ebbt dieses bei der Mehrzahl ursprünglich begeisterter Kursteilnehmer ab und man macht sich sogleich auf zu neuen Ufern. Diese Entwicklung ist immer dann zu beobachten, wenn die ganze Sache anstrengender, komplizierter, langwieriger wird, also einfach dann, wenn die eigenen Grenzen allzu deutlich aufgezeigt werden. Mit anderen Worten dann, wenn sich der nette Freizeitvertreib zum Kung Fu wandelt.

Der regelmäßige Besuch der Trainingseinheiten erfreut sich andererseits einer großen Schar an Langzeitschülern, deren Motive nicht unterschiedlicher sein könnten.
Jene, die die ersten Hürden eines runden Trainingsablaufes gemeistert haben und sich der daraus allmählich entwickelnden Homöostase hingeben, wähnen sich oftmals in trügerischer Sicherheit, wahres Verständnis erlangt zu haben. Dabei ist zunehmend ein nachlässiger Trainingseifer zu beobachten, der von einem selbstzufriedenen und überheblichen Anstrich begleitet wird.
Außerdem gewichtet die Zeitperiode, die man dem Training bereits gewidmet hat, nicht unbedingt die Qualität und vor allem die zugrunde liegende Intention. Häufig steht die ernsthafte Auseinandersetzung mit Kampfkunst gar nicht im Vordergrund. Das führt vermehrt dazu, dass akribisch darauf geachtet wird, jedwede Anstrengung physischer oder psychischer Natur zu umgehen.

Was macht wahre Meisterschaft aus? Die technische Ausführung? Das Talent, sich mit einer gewissen Geschmeidigkeit einem Bewegungsmuster anpassen zu können? Die Mantra-gleiche Rezitation eigener Trainingserkenntnisse, die wiederholten Zitate von Literaturstellen? Die subtilen Bemühungen, mit Predigt und Messias-gleicher Abgeklärtheit, eine Jüngerschaft um sich zu scharen?

Für mich spiegelt sich der wahre Geist einer Kampfkunst und dessen wahrhaftiges Erbe in ganz anderen Eigenschaften abseits des Trainingsrahmens wieder. Man kommt im Laufe seiner Übungszeit mit einer Vielzahl von Schülern, Lehrern, Meistern und „Meistern“, Gurus und Halbgöttern in Kontakt.
Die Meisterschaft im Taijiquan bedeutet jedenfalls nicht die perfekte Darbietung einzelner Formen oder Bewegungskonzepte. Taijiquan sollte nicht weltabgewandt zu einem wunderschönen, aber unnahbaren Museumsstück hinter einer Vitrine degradiert werden.

Wer es schafft, die Kampfkunst mit Spiritualität und Inspiration zu füllen, wer die einzigartige Gabe besitzt, Chen Taijiquan mit Herz und Humor zum Leben zu erwecken, verdient Respekt und hat sich meines Erachtens bereits auf den Weg zu wahrer Meisterschaft aufgemacht. Wahrscheinlich bietet der Charakter den besten Hinweis, ob Hingabe und Demut die treibende Kraft im stetigen Lernen sind. Ein guter Indikator, dass Werte wie Bescheidenheit und Leichtigkeit prägende Größen sind, ist auch der Bezug zur Wurzel – eine Linientreue zu den Lehrern oder Meistern, die den Weg in die Welt des Taijiquans geebnet haben.
Ob jemand das Ziel des Taijiquans abseits des Kampfes sucht, sondern mehr in der Kunst des Lebens, die sich letztlich dem eigenen Ego und dessen Irrfahrten zuwendet, beschreibt einen Status wahrer Größe, der nie erzwungen werden kann.

Ich persönlich wähne mich glücklich, genug Zeit mit Trainingskollegen verbracht zu haben, um die wundervoll verzierten Gefäße von den schlicht Gehaltenen unterscheiden zu können. Die extravaganten Krüge sind leer, die Einfachen bergen hingegen die reiche Fülle eines wahren Verständnisses der Fundamente des Taijiquan und seiner Bedeutung für die eigene Existenz.