Seminar mit Chen Ziqiang in Wien 2013

Chi Ku – Bitter Essen

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Kampfkunst, Taijiquan

Wie beginnt man eigentlich mit Taijiquan? Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten. Man besucht den Unterricht und lässt sich treiben. Man kopiert Übungen und Bewegungen. Und man versucht zu erkunden, wie man sich währenddessen, aber vor allem danach fühlt. Vielleicht sind all die Erfahrungen während einer Trainingseinheit keine guten Ratgeber, denn Tai Chi Chuan ist zur Überraschung vieler anstrengend, komplex und koordinativ fordernd. Und damit steht diese Kampfkunst im krassen Widerspruch der allgemeinen Meinung, „Tai Chi“ sei eine seidenweiche, entspannende und gemütliche Bewegungsform.

Meister Chen Ziqiang in Wien 2013
Meister Chen Ziqiang bei der Schwertkorrektur von Sergo Akopdjanov

Teilweise stimmt diese Annahme, jedoch entfaltet sich diese entspannende und beruhigende Wirkung erst nach langem und diszipliniertem Training. Und gemütlich war Taijiquan noch nie. Wirft man einen ernsthaften Blick auf diese Kampfkunst, müßte man feststellen, dass Taiji zwar von jedermann/-frau ausgeführt werden kann, jedoch nicht zu jedermann/-frau passt. Ohne Ausdauer und die Bereitschaft, auch den Trainingsschmerz sowie Rückschläge hinnehmen zu wollen (eben bitter essen), wird jeder Versuch, eine traditionelle Kampfkunst für sich zu entdecken, kläglich scheitern.

Steile Hänge

Taijiquan stellt die Bedeutung eines tieferen Verständnis seiner Selbst in Aussicht. Um diesen Rundblick von der Bergspitze genießen zu können, müssen die Hänge erst einmal erklommen werden. Und die Oberschenkel brennen auf dem Weg dorthin.

Der Unterschied zum angenehmen Wohlfühltaiji soll betont werden – Gesundheitstaijigruppen und anwendungsentfremdete Interpretationen gaben dem Taijiquan im Vergleich zu anderen Kampfstilen sein heutiges aufgeweichtes, esoterisches Gesicht mit vielen Irrwegen tatsächlich fehlender Wirkung des Geübten bzw. für den Übenden.

Hervorgehoben sei, dass Bewegungspraktiken im Sinne der Gesundheitsförderung sinnvoll und wichtig sind, jedoch sollte eine klare Trennlinie zu ernst zu nehmenden martialischen Stilen gezogen werden. Ein Großteil der Taiji-Community sollte sich im Training dem realen Bild des Taijiquan stellen und das Prinzip „Bitter Essen“ ausprobieren. Vielleicht könnte dann der positive Trainingseffekt auf Körper, Geist und Herz nachhaltiger und tiefgreifender empfunden werden.